„Du hast das Buch falsch gelesen!“ Entschuldigung, ich wusste gar nicht, dass so etwas möglich ist.

Ich bin gerade absolut schockiert. In letzter Zeit häuften sich immer mal wieder Diskussionen darüber, wie Blogger ihre Meinung darstellen oder auch nicht darstellen sollen. Wie sie Bücher auffassen und diese bewerten. Hier eine ganz wichtige Nachricht an alle Leseratten da draußen: alle Meinungen sind subjektiv, eine objektive Meinung haben geht nicht. Jede Wahrnehmung ist verschieden und deckt sich nicht unbedingt mit der Intention eines Autors.

Grund für diesen Beitrag ist – nun ja, ein Beitrag. Ein Beitrag einer Bloggerin, der sich kritisch mit einem Buch auseinandersetzt, beruhend auf dem Leseeindruck. Dieser Eindruck ist bei einer anderen Bloggerin angeeckt, die daraufhin eine Verteidigung für das Buch geschrieben hat und ihren Beitrag auf Facebook geteilt hat. Ich verlinke die beiden Beiträge extra nicht an dieser Stelle, da ich die Diskussion nicht neu entfachen möchte. Es geht hier auch nicht um meine Meinung, wie die beiden Darstellungen gelaufen sind. Viel mehr bin ich über die Kommentare schockiert. Und zwar nicht unter den Beiträgen, wo sie meiner Meinung nach hingehören – sondern auf Facebook.

Hier fielen Phrasen wie „Die hat das Buch nicht richtig gelesen“ und „Die hat keine Ahnung wovon sie schreibt.“ Entschuldigung bitte, aber ich wusste bisher gar nicht, dass so etwas möglich ist.

Voll der Mort

Wie kann man ein Buch bitte falsch lesen? Indem man Namen falsch ausspricht? Dann hat wohl der Großteil von uns Harry Potter falsch gelesen. Ich habe auf jeden Fall Voldemort immer mit T am Ende ausgesprochen. Indem man Buchstaben weglässt oder rückwärtsliest? Wenn man liest, liest man. Da gibt es kein falsch oder richtig. Das Lesen allein ist erst einmal eine reine Tätigkeit. Und das beherrschen die meisten seit der Grundschule – wage ich zumindest mal zu behaupten.

Auch „keine Ahnung haben“ finde ich eine total vermurkste Aussage. Sobald ich ein Buch bis zum Schluss gelesen habe, habe ich auch Ahnung. Ich hab gelesen worum es geht und somit eine fundierte Grundlage, um mir eine Meinung zu bilden. Ausgenommen sind hier tatsächliche Expertenthemen, die eine entsprechende Expertise benötigen. Sich über die Arbeit von Pathologen in einem Krimi auslassen, obwohl man keine Ahnung von Pathologie hat beispielsweise – in so einem Fall hat man tatsächlich keine Ahnung, das ist richtig. Aber alles andere trifft auf die Aussage nicht wirklich zu.

Fundierte Meinungen – ja, bitte!

Natürlich bildet sich jeder eine Meinung beim Lesen. Das ist auch vollkommen in Ordnung und richtig. Solange jede Meinung gut begründet ist, kann man auch alles nachvollziehen, selbst wenn die andere Meinung vielleicht nicht der eigenen entspricht. Aber einfach jemand damit abzufrühstücken, dass derjenige ein Buch nicht richtig gelesen habe oder eigentlich gar keine Ahnung hat – das macht für mich einfach keinen Sinn und lässt mich nur verständnislos mit dem Kopf schütteln.

Jeder Autor hat im Bestfall eine bestimmte Intention, wenn er sein Buch verfasst. Eine Message, die er vermitteln will, die er in die Welt tragen will. Doch Wahrnehmungen sind meistens grundverschieden. Aufgrund von Erfahrungswerten und Moralvorstellungen bilden wir uns eine eigene Meinung, die sich aus unfassbar vielen Facetten zusammensetzt. Man kann einfach nicht sagen, dass eine Meinung falsch sei – sie entspricht vielleicht nur nicht der eigenen Wahrnehmung. Aber deswegen ist es nicht unbedingt falsch. Das ist wie bei diesem Kleid, wo die Leute sich nicht entscheiden konnten, ob es nun scharz-blau oder weiß-gold ist. Welche Farbe das Kleid letztendlich hatte? Tja, das weiß niemand so richtig. So ähnlich ist es auch mit der Intention des Autors. Häufig ist sie klar, manchmal gut herausgestellt und in einigen Fällen lesen wir komplett daran vorbei.

Ein Plädoyer für mehr Diskussion

Natürlich gibt es Ausnahmen – die gibt es immer. Manche Ansichten sind tatsächlich komplett verquer, dass will ich gar nicht in Frage stellen; vor allem im politischen Kontext. Letztendlich muss aber jeder selbst entscheiden, wie er mit Meinungen anderer umgeht. Ich wünschte mir auf jeden Fall, es gäbe mehr Konstruktivität und weniger willkürliches Anfeinden und angegriffen fühlen, was zu solchen Sätzen oben führt. Quasi: mehr fundierte Diskussion als Hetze. Andere Meinung einfach mal zulassen und sich richtig damit auseinandersetzen bevor man gleich sagt: Das ist falsch oder totaler Unfug. Das ist es, was ich mir wünsche und was ich gerne mehr auf Blogs lesen würde.

Mehr interessante Artikel zu dem Thema: 
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Eure

unterschrift

21 Gedanken zu “„Du hast das Buch falsch gelesen!“ Entschuldigung, ich wusste gar nicht, dass so etwas möglich ist.

  1. Hui, danke fürs verlinken!
    Ich stelle immer wieder fest, daß es in den Blogkommentaren wirklich immer sehr zivilisiert und freundlich zugeht… Selbst wenn man das Buch, das jemand anders hymnisch gelobt hat nicht leiden konnte, kommt es vielleicht zur Ursachenforschung, aber garstige Kommentare hab ich noch nie gesehen…
    Auf Facebook scheint es aber immer hoch herzugehen… In dem von mir beschriebenen Beispiel ist es dort ja auch total hochgekocht… Deshalb halte ich meinen Blog aus Facebook raus. Wenn ich deinen Beitrag so lese, glaub ich bleib ich dabei. 😉
    Schöner Beitrag!

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    1. Sehr gerne! Ich finde dein Beitrag gibt so einen super Blick auf die Dinge, dass ich ihn den Leute auch unbedingt nochmal näher bringen wollte. :)
      Das habe ich auch schon beobachtet. Ich glaube das liegt zum Teil einfach daran, dass, wenn man sich schon die Mühe mit Kommentaren auf anderen Blogs macht, tatsächlich die Zeit nimmt und sich mit dem Inhalt richtig auseinandersetzt. Da bieten Facebook und co schon ganz andere Voraussetzungen. Dieses Verhalten schreckt auch mittlerweile ziemlich ab finde ich. Von daher ist deine Taktik da glaub ich ziemlich gut. :D
      Danke :)
      Liebe Grüße Michi

      Gefällt 2 Personen

      1. Und vermutlich sind in den Blogkommentaren hauptsächlich andere Blogger unterwegs, die eh immer ein bißchen reflektierter sind und sagen: „Es gefiel mir leider nicht weil…“, statt einfach nur „Scheiße!“ zu schreien. Ich denke auf Facebook sind da einfach mehr Fans und Hater unterwegs, die ihre Meinung kund tun, statt zu argumentieren.

        Gefällt 3 Personen

  2. Danke für diesen tollen und wahren Beitrag! Ich habe so etwas auch schon öfters gesehen und mich echt geärgert. Man schreibt doch nicht nur Rezensionen, um die Autoren in den Himmel zu loben. Das ist doch nicht Sinn und Zweck der Sache. Danke noch mal für deine wahren Worte! Liebe Grüße und einen schönen Abend, Katrin

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  3. Hi Michi,
    wirklich gelungen geschrieben! Ich weiß zwar nicht, um welchen konkreten Fall es geht, aber dieses Problem tritt ja immer wieder auf!
    Ehrlich gesagt verstehe ich auch gar nicht, wie Menschen solche Aussagen treffen können. Ich meine, Menschen haben nun einmal unterschiedliche Antworten. Und das jeder Mensch ein Buch anders wahrnimmt, dass sollte doch gerade unter Buchblogger als Wissen vorausgesetzt werden, oder?
    Jedenfalls kann ich über solche Aussagen wirklich nur den Kopf schütteln!
    Viele Grüße
    Jennifer

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  4. Ein ganz wichtiger Beitrag, vielen Dank! Ich kann allem Geschriebenen einfach nur zustimmen. Und einen Vorschlag hätte ich auch: den vielen Unfug, der auf Facebook gepostet wird, einfach mal ignorieren. Energie folgt der Aufmerksamkeit …

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  5. Tatsächlich kann man das auch noch ausdehnen in: kein richtiger Fan-sein.
    Ich habe es auch shcon öfters erlebt, dass man ja nicht wirklich ein richtiger Fan ist, weil: man das Buch/Serie/Film nicht so oft gelesen/geguckt hat, erst viel später angefangen hat, nicht die komplette Reihe sofort durchliest/durchguckt, nicht jedes Detail auswendig kennt etc. Es ist wirklich erschreckend.

    Aber schön, dass du das hier mal angesprochen hast!

    xoxo Vera

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  6. Danke für den tollen Beitrag, liebe Michi <3
    Und danke auch fürs Verlinken!

    Ich stimme dir zu. Auch ich würde mir mehr angemessene Diskussionen und vor allem Akzeptanz & Toleranz anderen Meinungen gegenüber akzeptieren.

    Liebe Grüße,
    Nicci

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  7. Liebe Michi, toller Beitrag! Ich kenne zwar das aufgeführte Beispiel nicht, aber habe ähnliches schon gelesen. Ich finde es immer spannend wenn es verschiedene Meinungen zu einem Buch gibt, deshalb lese ich auch gerne in Leserunden. Da geht es aber glücklicherweise immer sehr zivilisiert zu. Vielleicht ist es tatsächlich ein Facebook Phänomen?
    Liebe Grüsse Vera

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  8. Das ist irgendwie ein Dauerbrenner…. und regt mich ehrlich gesagt nicht mehr besonders auf. Ich habe auch schon Bücher gelesen, die gehyped wurden ohne Ende, nur ich fand sie furchtbar 😣 Ich habe meine Meinung begründet, wurde dafür angefeindet (übrigens können Autoren das auch) und hab’s abgehakt.
    Das Problem ist, dass viele ihre Meinung als generalisierend sehen. Ein wenig mehr Toleranz wäre hier wirklich angebracht. Ist eine Sache der Einstellung und vielleicht auch (ein wenig) des Alters.
    Lesen und lesen lassen, und vor allem anderen Lesern die Meinung nicht absprechen, tät manchem dennoch gut.

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  9. „Schade, dass Du das Buch nicht verstanden hast. Was ausschließlich an Deiner Interpretation liegt.“

    Auszug einer Nachricht einer Autorin an mich. Ich hatte das Buch mit 4 von 5 Sternen bewertet.

    Es gibt Dinge, die muss man nicht verstehen.

    LG
    Daggi

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  10. Liebe Michi,

    ich habe die Diskussion mitbekommen und kann Dir nur Recht geben. Man kann ein Buch nicht falsch lesen und wenn man in einer Rezension eine Meinung darstellt, sollte niemand eine Hetzjagd auf den anderen veranstalten.
    Bücher sind immer ambivalent, sonst wäre es keine Literatur.
    Ich finde es schade, dass viele diese Besonderheit von Büchern einfach nicht nutzen und sie sogar in ihr Gegenteil verwandeln…

    Einen schönen Abend und liebe Grüße,
    Krisi

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  11. Liebe Michi,

    Ich Stimme dir komplett zu. Meinungen sind immer subjektiv und solange diese Meinung begründet ist, hab ich sie zu akzeptieren. Man kann natürlich auf einer sachlichen Lage diskutieren und vielleicht versuchen zu erklären, warum man etwas anders verstanden hat, bzw seine eigene Sichtweise darstellen.
    Aber die andere Person anzugreifen und ihre Meinung als schlichtweg falsch zu bezeichnen geht gar nicht.
    Jeder hat ein Recht auf eigene Meinung und darf diese auch kundtun, solange niemand anderes damit verletzt oder angegriffen wird.
    Und gleichzeitig hat auch jeder das Recht,
    einfach mal die Klappe zu halten, wenn da sonst nur Mist rauskommt!
    Das ist so Kindergarten und „wir sind alle 12 Jahre alt“ Verhalten, da kann man nur den Kopf schütteln.

    Liebste Grüße
    Jenny

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  12. Danke für deinen Beitrag, dem kann ich nur zustimmen! Ich habe die Diskussion verfolgt und gerade das „Nicht richtig gelesen/verstanden“ hat mich auch den Kopf schütteln lassen. Ich erinnere mich da an meinen Deutschunterricht und die Buchinterpretationen, die wir schreiben mussten. Da ging es auch nicht darum, dass EINE bestimmte Meinung die Richtige ist, sondern man musste eben einfach gut begründen und belegen können, warum man einer bestimmten Meinung war.
    Im Netz fällt es vielen scheinbar leicht, jemanden anzugreifen, man steht demjenigen ja nicht gegenüber. Ich kann dir auch da nur zustimmen, Diskussionen statt Hetze wären wünschenswert. Aber dafür sind viele scheinbar nicht erwachsen genug.

    Gefällt 1 Person

  13. Hallo,

    ein toller Beitrag! Kommunikation unter Blogger ist wichtig, inklusive entgegengesetzte Meinungen und Diskussionen, aber das sollte immer höflich bleiben.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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  14. Ein sehr guter Text mit einer wichtigen Aussage.
    Die nicht nur fürs Bloggen gilt. Diskutieren ist etwas, das man lernen muss, wobei ich den Eindruck habe, dass diese Kenntnis kaum noch vermittelt oder angewandt wird. Auch ich muss zugeben, dass ich vor meinem jetzigen Partner nicht streiten / diskutieren konnte. Davor gab es immer nur zwei gegensätzliche Meinungen und einer muss falsch liegen, weswegen (schlecht) gestritten wird und am Ende einer nachgeben muss.
    Völliger Mumpitz. Aber so verlaufen 99% aller Diskussionen heute. Und es ist schade, weil wir so gar nichts voneinander lernen, außer schlecht zu streiten.

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  15. Ein sehr sehr interessanter Beitrag, dem ich nur 100% zustimmen kann! Ich bin allgemein eher der Typ, der Bücher, die andere nicht so mögen, total liebt und deswegen darf ich mir auch öfters mal Nachrichten a la „Was hast du denn für einen komische Geschmack“ anhören – das nervt! Nur weil von 100 Leuten scheinbar 99 das Buch nicht mochten, ich es aber nun mal total gerne gelesen habe und die Story sehr gerne verfolgt habe, habe ich doch keinen komischen Geschmack. Geschmäcker sind nun mal verschieden – dem Himmel sei Dank! – und das sollten sich viele auf jeden Fall nochmal vor Augen führen, bevor sie Kommentare ablassen.

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